Horst Meier

Bürgerrechte & Politik

Schreibtischlerei

Aktuell

Deutschlandfunk - Nachrichten leicht: Der Wochenrückblick, jeden Freitag um 19.04 Uhr
Nachrichten leicht

Sollen Islamistische "Gefährder" in Vorbeugehaft?
Der Rechtsstaat in Zeiten des Terrors
Radioessay "Gedanken zur Zeit", NDR Kultur, 13. Februar 2021
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Wie weit reichen unsere Grundrechte?
Das Problem der politischen Diskriminierung
Radioessay "Gedanken zur Zeit", NDR Kultur, 11. Oktober 2020
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Freiheitsrechte unter Quarantäne?
Über die Versammlungsfreiheit in der Corona-Krise - eine Zwischenbilanz
Radioessay "Gedanken zur Zeit", NDR Kultur, 12. Juli 2020
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Die AfD und der Verfassungsschutz - ein deutsches Extremistenspiel
oder Der lange Abschied von der fdGO.
In: Recht und Politik, Beiheft 4: 70 Jahre Grundgesetz. Berlin: Duncker & Humblot 2020 (auch in Recht und Politik, Heft 4/2019)

Radioessay "VON SCHONRÄUMEN UND ZARTEN SEELEN - Zur aktuellen Debatte über die Redefreiheit in den USA" (Gedanken zur Zeit, NDR Kultur, 24. November 2019)
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Im Juni 2019 ist erschienen:
Ralf Dreier, Die Mitte zwischen Holz und Theologie. Eine Art Bilanz (zusammengestellt & hrsg. von Horst Meier).
Baden-Baden: Nomos (104 Seiten, Leinen, 24€)
Nomos Shop

Im März 2019 ist erschienen:
2. Aufl. von Claus Leggewie / Horst Meier, NACH DEM VERFASSUNGSSCHUTZ. Plädoyer für eine neue Sicherheitsarchitektur der Berliner Republik.
Hirnkost Verlag (198 Seiten, 15€)

...ein "utopisches Sachbuch" (FAZ vom 27. März 2020)


Verfassungsschutz: "Der Inlandsgeheimdienst gehört abgeschafft"
Interview: Petra Ensminger - Deutschlandfunk 16. September 2018
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Radioessay "MEHR DIREKTE DEMOKRATIE WAGEN? Über die Debatte um Plebiszite auf Bundesebene" (NDR Kultur, Gedanken Zur Zeit, 3. Juni 2018)
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Eintrag in "Kleines Kasseler Literatur-Lexikon", hrsg. von Nikola Roßbach. Hannover: Wehrhahn Verlag 2018

Pressepreis des Deutschen Anwaltvereins 2017

für den DLF-Radioessay "Über die Parteienfreiheit"
Presseerklärung des DAV

Bücher / Radio / Texte

Bücher

2019 · Ralf Dreier, Die Mitte zwischen Holz und Theologie. Eine Art Bilanz (zusammengestellt und hrsg. von Horst Meier). Nomos
Rezension Hendrik Wassermann, Recht und Politik, Heft 4/2019
Rezension Hartmut Dreier, AMOS, Heft 4/2019
Rezension Hubert Rottleuthner, Kritische Justiz, Heft 2/2020
2019 · Nach dem Verfassungsschutz. Plädoyer für eine neue Sicherheitsarchitektur der Berliner Republik (Koautor Claus Leggewie). 2. Auflage. Hirnkost Verlag
2017 · Das zweite Verbotsverfahren gegen die NPD. Analyse, Prozessreportage, Urteilskritik. Duncker & Humblot (gemeinsam mit Claus Leggewie und Johannes Lichdi)
Flyer (PDF) | English Summary (PDF)
2015 · Verbot der NPD – ein deutsches Staatstheater in zwei Akten. Analysen und Kritik 2001–2014. Berliner Wissenschafts-Verlag
(mit Gastbeiträgen u. a. von Hans Magnus Enzensberger, Eckhard Jesse, Wolfgang Kraushaar, Claus Leggewie, Johannes Lichdi, Volker Neumann und Peter Niesen sowie einem Gespräch mit Bernhard Schlink)
Flyer (PDF)
2012 · Nach dem Verfassungsschutz. Plädoyer für eine neue Sicherheitsarchitektur der Berliner Republik (Koautor Claus Leggewie). Verlag Archiv der Jugendkulturen
· Protestfreie Zonen? [44] Variationen über Bürgerrechte und Politik. Berliner Wissenschafts-Verlag
Inhaltsverzeichnis (PDF)
2010 · Rechtsradikale unter dem Schutz der Versammlungsfreiheit (Mithrsg.). Evangelische Akademie Hofgeismar
· Direkte Demokratie im Grundgesetz? (Mithrsg.). Evangelische Akademie Hofgeismar
· Erhard Denninger, Polizei im demokratischen Rechtsstaat (Mithrsg.). Evangelische Akademie Hofgeismar
2002 · Verbot der NPD oder Mit Rechtsradikalen leben? (Mithrsg.). Suhrkamp
1995 · Hitler zurücknehmen. Zum antinazistischen Imperativ bei Jean Améry. In: Jean Améry, Ressentiments. Europäische Verlagsanstalt (gekürzt in: Jean Améry, Werke, hrsg. von Irene Heidelberger-Leonard, Bd. 9: Materialien. Stuttgart, Klett-Cotta: 2008 S. 445 - 449)
· Republikschutz (Mitautor). Rowohlt
1993 · Parteiverbote und demokratische Republik. Nomos


Radio





Texte

(Alle Texte des seit 1947 erscheinenden MERKUR sind über dessen Online-Archiv [für 2 € das Stück] erhältlich: https://www.merkur-zeitschrift.de/archiv/)

· Über die Versammlungsfreiheit in der Corona-Krise - eine Zwischenbilanz. In: Recht und Politik, Heft 3/2020

· Die AfD und der Verfassungsschutz - ein deutsches Extremistenspiel
oder Der lange Abschied von der fdGO. In: Recht und Politik, Heft 4/2019

· Kritik der [im NPD-Urteil kreierten] "Potentialität". In: Merkur 819 (August 2017)

· "Streitbare" oder liberale Demokratie? Wie man in Deutschland und den USA mit "nichtgewalttätigen Extremisten" umgeht. In: Recht & Politik, Heft 4/2015

· Claus Leggewie/Horst Meier, Vom Betriebsrisiko der Demokratie. Versuch, die deutsche Extremismusdebatte vom Kopf auf die Füße zu stellen. In: Eckhard Jesse (Hrsg.), Wie gefährlich ist Extremismus? Sonderband der Zeitschrift für Politikwissenschaft (2015), S. 163–196

· Mit ‚Rechts‘ leben. Gespräch mit Bernhard Schlink. In: Recht und Politik, Heft 4/2014.

· Wozu eigentlich noch Verfassungsschutz? In: Merkur 777 (Februar 2014) – ebenfalls in: Eurozine vom 12. Februar 2014.

· Endlosschleife NPD-Verbot. Über Parteienfreiheit und „streitbare Demokratie“. In: Merkur 768 (Mai 2013).

· „Geistiges Eigentum“ im digitalen Zeitalter. Zur Debatte um das Urheberrecht. In: Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte 3/2013.

· Wer vom Parteiverbot spricht, darf über die Freiheit nicht schweigen. In: FAZ vom 13. Dezember 2012. (Mitautor)

· Verhaften Sie die üblichen Verdächtigen! In: FAS vom 29. April 2012.

· Restrisiko. Die Atomtechnik und das Recht. In: Merkur 747 (August 2011).

· Ein Grundgesetz für Pazifisten? Über Krieg und Verfassung. In: Merkur 741 (Februar 2011).

· Mehr Diskussion, nicht erzwungenes Schweigen. Über die Redefreiheit in den USA. In: Merkur 708 (Mai 2008).

· Gesetzloses Wunder. Vom Sinn der Gnade. In: Blätter für deutsche und internationale Politik, Heft 6/2007.

· Feindstrafrecht?. In: Merkur 685 (Mai 2006).

· Lob des Rechtspositivismus (über Hans Kelsen). In: Merkur 673 (Mai 2005).

· Bewaffnete Intervention und Völkerrecht. In: Merkur 661 (Mai 2004).

· Rettungsfolter? In: Merkur 656 (Dezember 2003).

· Als die Demokratie streiten lernte. Das KPD-Verbotsurteil von 1956. In: Kritische Justiz, Heft 4/1987 Text als PDF

· Christian (d.i. H.M.), Angaben zur Person oder Vermutungen über den Mescalero. In: Kursbuch 51 (März 1978), "Leben gegen Gewalt", S. 163-187

Debatten & Vorträge

(K)eine Demokratie braucht einen Verfassungsschutz

Eröffnungsvortrag der Tagung "Wer überwacht die Überwacher?"
Veranstaltet vom Arbeitskreis Demokratie der Friedrich-Naumann-Stiftung.
Theodor-Heuss-Akademie, Gummersbach, 14. Februar 2020


Wie weiter mit dem Verfassungsschutz: Neugründen oder Abwickeln?

Podiumsdiskussion der Kasseler Grünen mit Vanessa Gronemann, MdL,
Horst Meier, Konstantin von Notz, MdB. Moderation: Nicole Maisch
Caricatura Kassel, 15. August 2019





Debatte "Extreme verbieten? Demokratie zwischen Wehrhaftigkeit und Toleranz".

Streitgespräch mit Prof. Steffen Kailitz (Moderation: Peter-Lasse Giertzuch) beim 30. Heidelberger Symposium "Gleichgewicht" (26. Mai 2018).
Programm




Die NPD verbieten - ein starkes Zeichen gegen rechts oder "deutsches Staatstheater"?

Es diskutieren Dr. Holger Poppenhäger (SPD, Innenminister Thüringen), Prof. Volkhard Knigge (Leiter Gedenkstätte Buchenwald) und Dr. Horst Meier
Podium der Landeszentrale für politische Bildung (Thüringen)
Weimar, 25. März 2016

Kann und soll die NPD verboten werden?

Podiumsdiskussion, Heinrich Böll-Stiftung
Berlin, 28. Oktober 2015

Mit Horst Meier, Michael Nattke (Kulturbüro Sachsen) und Holger Stahlknecht (CDU, Innenminister Sachsen-Anhalt)

Den Verfassungsschutz abschaffen! Ein Plädoyer

im Rahmen der Vortragsreihe "Rechtsterrorismus und Staat", Hamburger Institut für Sozialforschung (12. November 2013)




Meinungsfreiheit und Kommunikationsdelikte. Über die Strafparagrafen gegen "Auschwitzlüge" und Verunglimpfung des Staates

Vortrag bei der Fachtagung "Recht gegen Rechte" (Friedrich-Ebert-Stiftung und Forum Justizgeschichte, Berlin, 6. Mai 2013)

Redefreiheit

· Freiheitsglocke/ Liberty Bell (Berlin, Schöneberger Rathaus)
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Rosie The Riveter (Norman Rockwell 1943)

· Radioessay "VON SCHONRÄUMEN UND ZARTEN SEELEN - Zur aktuellen Debatte über die Redefreiheit in den USA" (Gedanken zur Zeit, NDR Kultur, 24. November 2019)
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Radioessay "MEINUNGSFREIHEIT IM DIGITALEN ZEITALTER" (Gedanken zur Zeit, NRD Kultur, 5. Mai 2019)
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Radioessay "Mit Rechten reden - was denn sonst? Über die Lust an der offenen Debatte" (NDR Kultur, Gedanken Zur Zeit, 25. Februar 2018)
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· Mehr Diskussion, nicht erzwungenes Schweigen. Über die Redefreiheit in den USA. In: Merkur 708 (Mai 2008).

· Timothy Garton Ash, Redefreiheit (Hanser 2016)



· DIE STUNDE DER DEMAGOGEN Über Hassparolen und Streitkultur (anlässlich des Erscheinens von Timothy Garton Ash, Redefreiheit. Prinzipien für eine vernetzte Welt) Essay, Gedanken zur Zeit, NDR Kultur, 25. September 2016
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· 15. Januar 1958: DAS BUNDESVERFASSUNGSGERICHT VERKÜNDET DAS LÜTH-URTEIL Ein "Kalenderblatt". Deutschlandfunk, 15. Januar 2008
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Freedom of Speech (Norman Rockwell 1943)

Flaschenpost

Trouvailles

Kurt Scheel (1948 - 2018)
zum Gedenken

Kurt Scheel 2011 in der Redaktion des Merkur

KURT SCHEEL (23. April 1948 – 31. Juli 2018)

Siegfried Kohlhammer, Grabrede für Kurt

Berlin, Waldfriedhof Heerstraße (“Urnengemeinschaft A 10”)

Wohl alle, die hierher gekommen sind, um Kurt Scheel zu betrauern und von ihm Abschied zu nehmen, wird die Frage nach dem Grund seines Freitods umtreiben "Warum? Warum hat Kurt Scheel sich das Leben genommen?" Kurt Scheel hat sich direkt oder explizit dazu nicht geäußert, und so bleibt es nun einem jeden überlassen, seine Vermutungen darüber anzustellen - oder die Frage zu unterlassen. Ich bin mir gewiss, dass diese Selbstvernichtung der Wahrung seiner Würde, seiner Selbstachtung galt. Kurt Scheel war ein stolzer Mensch. Seine Bonhomie, seine Selbstironie, seine bescheidene Selbstdarstellung und Zuvorkommenheit waren keine "Fassade" oder "Maske", sie waren real, aber daneben gab es den streng auf seine Würde bedachten Mann, dem jede schulterklopfende Intimität, jede Indiskretion des Unmittelbaren zuwider waren.

Kurt Scheel war auch ein großer Hasser und Verächter, ein begabter Polemiker, aber jeglicher Fanatismus war ihm fremd. Seinen Polemiken fehlten Ressentiment und Häme, der Geruch nach Guillotine, Gefängnis und Berufsverbot - und der Grund dafür war sein Humor; seine Attacken waren so unterhaltsam und erfolgreich, weil sie so witzig, so komisch waren. Sie zielten nicht auf die Vernichtung des Gegners, sondern darauf, dass dieser eine Zeitlang wenigstens die Klappe hielt oder weniger laut lärmte und schwadronierte. Und dieser Humor war keineswegs auf seine schriftstellerische Tätigkeit beschränkt. Die Freundschaft mit Kurt Scheel, das Zusammensein mit ihm, bedeutete neben vielem anderem auch immer Heiterkeit und Gelächter. Kurt Scheel war auch ein humorvoller, witziger, heiterer Mensch.

Geradezu legendär waren unter Kurt Scheels Freunden seine Essenseinladungen, zumal die sogen. "Weiße Tischdecke"- Einladungen. Das begann mit dem morgendlichen Gang zum Karl-August-Platz oder Nestor Straße-Markt - kaum vermochte das vielbesungene Fahrrad die Tüten und Taschen zu tragen, und zu Hause angekommen dann die Fülle, der Überfluss. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich alles ganz deutlich. Verschiedene Blumensträuße in großen und kleinen Vasen, Gemüse aller Art, Würste und Käse und ... und dann begann die Vorbereitung des abendlichen oder morgigen Essens. Und dann der Glanz des abendlichen Essens, Blumen und Kerzen, Gläserklingen und der Duft der Speisen ... Fülle und Überfluss. Kurt, der Ernährer. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich alles ganz deutlich. Und seine Großzügigkeit und Freigebigkeit beschränkten sich nicht auf Essenseinladungen. Oft fanden sich seine Freunde durch Geschenke und Hilfeleistungen geradezu beschämt. Kurt Scheel war ein großzügiger und großherziger Mensch.

Die Blumen, die er wohl am meisten liebte, waren die Pfingstrosen , die Päonien. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich alles ganz deutlich: prachtvoll prunkende große Sträuße von Pfingstrosen begrüßten einen schon auf dem Tisch in der Diele, - Fülle und Überfluss. Die Pfingstrose hat die Eigenschaft, dass ihre wunderbaren vielblättrigen Blüten nicht langsam welken oder dass Blütenblatt nach Blütenblatt abfällt, sondern dass sie allesamt gleichzeitig in einem fast schockhaften erschreckenden Fall zu Boden sinken - wie ein umgestoßenes Gefäß, dessen Inhalt sich über den Tisch ergießt. Ein großer japanischer Dichter, dessen Werk sich auch unter Kurts Büchern befand, hat dies in ein Gedicht gefasst, das hier auch zur Erinnerung an Kurts Tod in seiner englischen Übersetzung zitiert sei: After it has fallen, its image still stands. The Peonie flower.

Von Kurt Scheels Leben und seiner Person sprechen heißt auch über Film und Kino sprechen. Er hat viel über Filme und über viele Filme geschrieben, kenntnisreich, klug, unprätentiös und, wie er gesagt hätte, garantiert gluten- und theoriefrei. Er verteidigte das Kino und die Unterhaltung gegen den Autorenfilm und die Prätensionen der Filmkunst - ohne dabei dogmatisch deren gelegentliche Meisterwerke leugnen zu wollen.

"Der Kinokerl" wurde sein Vater, der Kinobesitzer von den Altenwerder Bauern auf Plattdeutsch genannt, und wenn einst die Geistes- und Kulturgeschichte der Bundesrepublik beschrieben und besungen wird, wäre zu wünschen, dass Kurt Scheel mit dem Epitheton "der Kinokerl" darin ein Ehrenplatz zugewiesen wird.

Diejenigen unter Ihnen, die alt genug sind, werden sich noch an die im Kino gelegentlich auftretende Situation erinnern, dass der Film riss : eine schmerzhafte grelle Helligkeit erfüllte plötzlich die Leinwand, aus der Vorführkabine drang das scheppernde peitschende Geräusch des umherschlagenden Filmstreifens; ein schockhaftes erschreckendes Ereignis, das einen herausriß aus der Versunkenheit in den Film. So kommt mir Kurts Tod vor. Aber es gibt keinen Vorführer, der den Filmstreifen zusammenkleben und die Vorführung gebührend fortsetzen wird, obwohl es doch bis ans richtige, angemessene, wahre Ende weitergehen sollte, weitergehen müßte!

Zu den Filmen, die er am meisten liebte, gehörten die Western: "Ich und John Wayne" heißt sein wunderbares Buch über das Kino. In einem der bekanntesten Western, "Shane", verläßt der Held am Ende unwiderruflich das Tal, dessen Farmer er vor den schießwütigen Bösewichtern gerettet hat und reitet ungeachtet der flehentlichen Bitten des kleinen Sohnes der Familie, wo er untergekommen war, davon. "Shane! Come back! Come back, Shane" ruft das Kind, und so möchte auch ich Kurt Scheel nachrufen: "Kurt, komm zurück, komm zurück Kurt!" Aber Kurt Scheel ist tot und kommt nicht zurück. So wird mein großer Freund und Held nun für immer aus dem Tal der Lebenden in einen glorreichen Sonnenuntergang reiten.

Das letzte Kapitel seines Buches über das Kino handelt von den Altenwerder Lichtspielen seiner Kindheit und Jugend, eine bewegende und rührende Gedenkrede auf "Das Kino auf der Insel im Strom". Die ersten drei Zeilen lauten: "Wenn ich die Augen schließe, sehe ich alles ganz deutlich: in Großaufnahme das weiße Schild mit der Inschrift 'Altenwerder Lichtspiele'". Und die letzten Zeilen, nach der Schließung der Altenwerder Lichtspiele: "- und in meiner Trauer und trotz meiner Tränen wußte ich plötzlich, daß ich gar nichts verloren hatte, es ist ja in mir, und wenn ich die Augen ​ schließe, sehe ich alles ganz deutlich."

Ach wenn ich das im Fall seines Todes auch sagen könnte!

Kurt Scheel, lieber teurer Freund, mögest du in Frieden ruhen und möge deiner lange gedacht werden!

KURT SCHEEL (23. April 1948 – 31. Juli 2018)

Ina Andrae, Grabrede für Kurt Scheel

Berlin, Waldfriedhof Heerstraße (“Urnengemeinschaft A 10”)

Kurt Scheel starb an einem der heißesten Tage dieses langen heißen Sommers.

An einem anderen heißen Tag im Sommer vor zwanzig Jahren war ich Herrn Scheel das erste Mal begegnet, als ich ihm meine Bewerbungsunterlagen in die Hand drückte. Es hieß, er arbeite sehr schnell und sehr gründlich, ich solle die Bewerbung so schnell wie möglich direkt an den Mann bringen. Drei Tage später hatte er die vielen Bewerbungen schon gesichtet, und ich saß ihm gegenüber zum Vorstellungsgespräch. Scheel suchte eigentlich nach einer älteren, reiferen Mitarbeiterin, entscheidend aber sei, ob die "Chemie zwischen uns" die richtige sei, schließlich seien wir aufeinander angewiesen. Dann testete er mein Filmwissen.

Noch beim Vorstellungsgespräch ereiferten wir uns, wie scheußlich doch dieser Cleopatra -Film sei, grauenhaft, Schund und viel zu lang. Einzig die Taylor fand er attraktiv und ich Richard Burton. So haben wir in den letzten zwanzig Jahren manchen Film verhackstückt und andere geliebt. Herr Scheel kannte ganze Dialogpassagen auswendig und zitierte gerne aus Der Pate . "Bonasera, Bonasera, was habe ich dir getan, dass du mich so respektlos behandelst?" Je älter er wurde, desto mehr mochte er den völlig unterschätzten dritten Teil, eine griechische Tragödie. Herr Scheel gab herrliche Prognosen ab, zum Beispiel darüber, dass Brad Pitt ziemlich wahrscheinlich schlecht altern würde, "schnell welken". Er ​ machte manchmal die zwei verschiedenen Gesichtsausdrücke nach, zu denen Harrison Ford imstande ist, und er mochte Tony Soprano wirklich gerne.

Scheel war über drei Jahrzehnte verheiratet gewesen mit dem Merkur . Die Autoren schätzten seine Unbestechlichkeit und sein Auge für den Text. Er konnte ein und demselben Autor hintereinander zehn unverlangt eingesandte Manuskripte kühl absagen ("haben wir keine Verwendung"), um dann aber das elfte mit ebenso knappen Worten anzunehmen. Er sah jüngere Talente und ermunterte sie zum Schreiben. Nicht alle hat er auch im Merkur veröffentlichen können, das verdross ihn manches Mal.

Sein Kerngeschäft bestand in der Arbeit am Text. Aufrecht saß er vor dem pingelig gerade gerückten Papier, die Unterarme auf der Tischplatte neben dem Manuskript, vor sich eine Batterie von angespitzten Bleistiften, neben sich den Radiergummi. Seine Arbeit am Text verstand er als Handwerk, nie als Kunst. Kunst war ihm suspekt.

Seine Präzision im Umgang mit Manuskripten, seine Haltung zum Text war dem ganz anders gelagerten Bohrer etwas unheimlich. Bohrer witzelte manchmal, Kurt würde sich jetzt bestimmt gleich wieder diese Metzgerschürze überziehen, um mit dem Messer über das Manuskript herzufallen, denn, so Scheel: "Der Autor ist der natürliche Feind des Herausgebers!" Auch das konnte man von ihm lernen, wie viel besser Texte durch entschiedenes Kürzen werden können. Die Autoren kannten erst ihren Text kaum wieder, dann freuten sie sich sehr. Die wenigsten hatten Probleme mit Scheels Redigaten.

Unheimlich war Bohrer auch unser sturer Arbeitswille, so dass er uns gegenüber seine ernsthafte Sorge darüber ausdrückte, dass sowohl Scheel als auch ich derart pedantisch wären, derart protestantisch, dass wir nicht in den Himmel kämen. "Da wollen wir auch gar nicht hin", sagte Herr Scheel dann.

Er war am gleichen Tag geboren wie Shakespeare, am Tag des Buches. Seine Mutter sei froh gewesen, dass er nicht schon drei Tage früher, an Hitlers Geburtstag, das Licht der Welt erblickt hatte, das erzählte er gerne. Er liebte: Schachbrettblumen, Rosen, vor allem kurz vorm Verwelken, Vanitas-Motive, Stillleben und Kunstpostkarten, Hollywood und Helge-Schneider-Konzerte ("Wie Kindergeburtstag!"), die Beatles, die er noch in Hamburg gesehen hatte, nicht aber die Stones. Er ging trotz seiner Stubenhockermentalität mit dem Trüppchen, zu dem auch "der stolze Herr Herrndorf" gehörte, immer wieder zu Hertha-Spielen ins Olympiastadion, danach aß man miteinander und schaute noch den einen oder anderen Film in seinem Wohnzimmer.

Er mochte seine Wohnung nicht verlassen und war sehr stolz auf seinen "ausgezeichneten ökologischen Fingerabdruck". An 9/11 zog er sich nach den ersten Meldungen in seine Privatgemächer zurück, um im Fernsehen den Geschehnissen zu folgen. Es war ihm zu viel, auf dem Sofa liegend schlief er fest ein an diesem Nachmittag. Als ich eine Woche später aus Italien zurück in die Redaktion kam, gab der Nichtapokalyptiker ganz unaufgeregt eine Prognose ab, an die ich oft denken muss: Die Gesellschaft werde sich radikalisieren, die Kluft (nein, nicht die Schere!) zwischen links und rechts, Süden und Norden, arm und reich, zwischen Ethnien und Religionszugehörigkeiten werde sich in den nächsten zehn, fünfzehn Jahren vergrößern. Er prophezeite Social ​ Riots, den Verlust der Mitte und das Erstarken populistischer Parteien. Die "Schöpfung an sich" aber fand er "in Ordnung".

Karl Heinz Bohrer, Kurt Scheel, eine Erinnerung. In: Merkur 833 (Oktober 2018)

https://www.merkur-zeitschrift.de/2018/10/01/kurt-scheel-eine-erinnerung/

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